Donnerstag. Ein ungewöhnlicher Tag.
Lustig, gestern oder noch heute Vormittag hätte man sagen können: Überall wird demonstriert, aber an der Uni Oldenburg passiert gar nichts, rein gar nichts. Die Leute studieren, sind gestresst, diverse Erkältungen greifen um sich… Herbst und Winteralltag an der Uni hier im Norden eben. Und dann kommt der Donnerstag und plötzlich entsteht ein Raum. Auf den Mensatischen hatten Flyer gelegen: Die Ankündigung eines “Open Space” für 14 Uhr im Hörsaal 3 des A14 (das ist das größte, repräsentative Hörsaalgebäude hier). “Eigentlich hätten wir keine Zeit
zum demonstrieren …” sagte Paul immer steht auf den Flyern, aber dass man sich Gedanken machen wolle und dass man sich an den Protesten beteiligen wolle.
Um 16 Uhr, nach meiner Veranstaltung, gehe ich zum A14. Von weitem sehe ich, dass die Strassenkreuzung Uhlhornsweg/Ammerländer Heerstrasse dicht ist: Etwa 600 Menschen, die sich gerade zu einem Demozug formieren, beginnen sich Richtung Innenstadt zu bewegen. Trillerpfeifen, die Oldenburger Polizei sagt später (so wird mir
erzählt): Das sei die bisher grösste spontane Bildungsdemo in Oldenburg gewesen. Aber das ist nicht das Besondere dieses Tages … ich gehe ins A14 und sehe als erstes eine Stellwand mit drei Plakaten:
” Hörsaal 1: Organisation | Hörsaal 2: Inhalte | Hörsaal 3: Aktionsplanung “
Dahinter Pfeile, in welche Richtung man gehen muss – wie auf einer Konferenz. Ich sehe mich um, um mir ein Bild zu machen und zu entscheiden, wo ich mich beteiligen will. In Hörsaal 1 haben sich gerade drei Untergruppen gebildet: Eine Vernetzungsgruppe, die helfen will Überblick zu behalten wer gerade was macht, eine IT-Gruppe, die sich um Webseite, StudiVZ und einen Twitter-Account kümmert und eine Pressegruppe. In Hörsaal 2 (Inhalte) dasselbe Bild: Drei Untergruppen (”Geld”, “System” und “Perspektiven”) nehmen gerade ihre Arbeit auf. In Hörsaal 3 (Aktionsplanung) diskutiert noch ein grösserer Kreis. Später werden auch dort Untergruppen gebildet. Ich schliesse mich einer Gruppe an, die in einer Art Dokuprojekt aufzeichnen möchte, um was es den einzelnen Teilnehmern der Proteste geht. NWZ online wird am Abend schreiben: “Im Hörsaalzentrum bildeten sich gleichzeitig Arbeitsgruppen mit insgesamt 150 Teilnehmern, um die nächsten Schritte zu planen.”
Als ich später in den verschiedenen Räumen unterwegs bin um Sachen für unser Projekt abzuklären, fällt mir auf: Es ist das erste Mal seit langem, dass ich durch die Uni laufe und mich jeder(!), dem ich begegne anlächelt oder angrinst. Also ob draussen kein Herbst wäre. Und man kommt mit wildfremden Menschen ins Gespräch. Es genügt, dass man ein paar Schritte den selben Weg hat, oder sich nebeneinander auf der Toilette die Hände wäscht: Man redet und verabschiedet sich, als ob man sich schon länger kennen würde.
Um 18 Uhr treffen sich alle zu einem grossen Plenum in Hörsaal 1: Es gibt einen Bericht von der Demo, die einzelnen Gruppen berichten von ihren bisherigen Arbeitsergebnissen. Anmerkungen werden gesammelt. Vereinzelt brechen Diskussionen aus. Was dabei auffällt: Es wird sachlich, fast nüchtern diskutiert. Und immer wieder kreisen die
Diskussionen darum, wie Dinge nach Außen wahrgenommen werden (”War es gut, auf der Demo den Verkehr zu blockieren oder zu behindern? Wie wirkt das, wenn wir heute Abend feiern?”) oder um das Thema Verantwortung (”Verantwortung für die besetzten Räume”, “Verantwortung für uns selber”). Die vorläufigen Zwischenergebnisse der
Inhaltegruppen (ihre Forderungen und Ideen sind differenziert, detailliert, konkret – sie sollen später über die IT-Gruppe im Internet veröffentlicht werden) finden fast ungeteilte Zustimmung. Den grössten Applaus bekommt der Wunsch, endlich wieder ein Studium zu haben, welches auf das Leben in einer demokratischen Gesellschaft ausgerichtet ist.
Nach zwei Stunden endet das Plenum. Viele Teilnehmer werden im Gebäude übernachten. Das nächste Plenum ist morgen um 10 Uhr. Vor dem Gebäude hat sich inzwischen die Volksküche des Alhambra aufgebaut: Feuertonne und Bierbänke. Die großen Kochtöpfe dampfen. Im Hörsaalfoyer wird später die Big Band der Uni spielen. Um 3 Uhr morgens wollen die Sonderpädagogen, die gerade ihre traditionelle Semesterparty im Alhambra feiern, mit Kerzen, Fackeln (große Diskussionen im Plenum, ob Fackeln ein gutes Bild abgeben …:-) und Laternen quer durch die Stadt in’s A14 umziehen.
Am Sonntag hatte es ein kleines Treffen in einem studentischen Café in der Innenstadt geben. 25 StudentInnen. Kein AStA, Keine Fachschaftler. Fast zwei Stunden wird darüber gesprochen, was stört – was man verändern wollen würde und was man beibehalten möchte. Man möchte sich an den bundesweiten Protesten beteiligen – aber lieber eine Woche zu spät, als ohne inhaltliche Auseinandersetzung. Die Idee eines Open Space fällt. Am Ende einigt man sich auf ein weiteres Treffen am Dienstag Abend, auf dem ein grosses, offenes Treffen zur Planung und inhaltlichen Auseinandersetzung für Donnerstag vorbereitet werden soll.
Am Dienstag Abend trifft sich eine doppelt so grosse Gruppe in der Cafeteria. Ein langes Treffen. Inhalte, Planungsaufgaben verteilen. Am Ende werden selbst so lustig, liebenswert-freundliche Aufgaben vergeben, wie die eines Beauftragten, der die Dozenten des anvisierten Hörsaals informiert und ihnen helfen soll, alternative Räume zu finden.
Und dann kommt der Donnerstag und plötzlich ist da ein Raum. Ich bin gespannt wie das weiter geht. Vielleicht ist morgen auch schon wieder alles vorbei … oder auch nicht – wer weiss …
(Autor: M.G., Lizenz: cc – nc-nd – creative commons, nicht-
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